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8. Mai 2019

Der Anstand geht baden

Während meines Studiums habe ich in einem Thermalbad gearbeitet. Wer glaubt, Studentenjobs seien stinklangweilig, hat noch nie an einer Kasse gearbeitet. Ich könnte ganze Romane darüber schreiben, was man dort alles erlebt.

Der Anstand geht baden

Während meines Studiums habe ich in einem Thermalbad gearbeitet. Wer glaubt, Studentenjobs seien stinklangweilig, hat noch nie an einer Kasse gearbeitet. Ich könnte ganze Romane darüber schreiben, was man dort alles  erlebt.

Zu den unangenehmsten Kunden  zählen übereifrige Rappenzähler. Wenn Rappenzählen eine Sportart wäre, hätten sie schon längst Olympiagold nach Hause gebracht (es sei denn, die Medaille ist zollpflichtig). Gästen dieser Art ist es ein Rätsel, warum man Rabatte nicht kumulieren kann. Als ich einem Kunden einmal in ironischem Tonfall vorschlug, der Betrieb könnte ihn ja für seinen Aufenthalt bezahlen, strahlte dieser zufrieden. Witzig wird es, wenn die Eltern ihre Kinder künstlich verjüngen, um von einem Rabatt zu profitieren, die Kinder aber empört ihr wahres Alter verraten. Ein Klassiker sind auch Kunden, die sich den Eintritt allzu gerne von einem Bekannten zahlen lassen. Grosszügigerweise erklären sie sich aber dazu bereit, als Gegenleistung das Glace zu spendieren. Natürlich nur Wasserglace, das ist günstiger. 

Als Sprachstudentin bin ich für italienische Kunden prädestiniert. Das freut mich. Meistens jedenfalls. Mein Eifer bekommt einen Dämpfer, wenn die gesamte Familie samt Nonna intensiv darüber debattiert, welches Ticket wohl am geeignetsten ist, während die Kunden in der Warteschlange genervt die Augen verdrehen. Den Höhepunkt meiner Übersetzerkarriere erlebte ich, als ich einem italienischen Paar beibringen musste, dass es bei unsittlichen Aktivitäten auf dem Gelände erwischt worden war und nun das Areal zu verlassen hatte. Während ich verzweifelt nach den passenden Worten suchte, empörte ich  mich einmal mehr darüber, welch realitätsfernes Vokabular Dante doch verwendete.

Kaum ist der Winter vorbei, spürt man an der Kasse die aufkeimenden Frühlingsgefühle gewisser Gäste. Die Einen belassen es bei nett gemeinten Komplimenten (Dabei kann man allerdings ins Fettnäpfchen geraten. Etwa wenn man eine bald 25-Jährige fragt, wie der schönen Mademoiselle ihr erster Sommerjob gefalle). Die ganz Mutigen werfen mit Sprüchen wie „Zeigst du uns die Umkleiden?“ um sich. Als ich einmal so tat, als würde ich nur schnell meinen Chef um Erlaubnis fragen, war die Coolness ganz schnell dahin.

Im Hochsommer sind Hitzenörgler eine mentale Erfrischung. Nach nur zehn Minuten in der Warteschlange beklagen sie sich bereits über die hohen Temperaturen an der Kasse und fragen mich entgeistert, wie ich denn bei dieser Hitze arbeiten könne.  Dass ich bei über dreissig Grad nicht mehr ganz so gut funktioniere, merken sie spätestens, als ich ihnen auf Französisch antworte, obwohl sie Deutsch sprechen.

Natürlich trifft man auch täglich auf unzählige freundliche Gäste. Diejenigen etwa, die selbst dann nicht die Geduld verlieren, wenn in der Hochsaison plötzlich der PC abstürzt. Zudem kann man all die Stories und die leckeren Mitbringsel, die man von netten Kunden erhält, in ruhigen Minuten mit den Mitarbeitenden teilen (obwohl man insgeheim hofft, dass die Kolleginnen gerade auf Diät sind). Meinen Kolleginnen wünsche ich auch in Zukunft viele interessante Begegnungen. Und eines Tages die längst überfällige Klimaanlage.

Textquelle: Walliser Bote
Bild: Copyright: Unsplash/ Henry Co