Der Virus sind wir
Eltern reagieren zurzeit besorgt bis hysterisch, wenn sie den Husten ihrer Kinder hören. Ihren eigenen Husten nehmen einige Erwachsene aber gelassen in Kauf. Ist ja nur der altbekannte Raucherhusten.

Das Coronavirus ist in aller Munde und in immer mehr Körpern. Das Virus macht uns Angst. Es erleichtert aber auch den Smalltalk und die Themenselektion in den Medien. Schliesslich sollte man über das Thema Nummer eins berichten, oder?
Wer es momentan wagt, sich in öffentlichen Verkehrsmitteln die Nase zu putzen oder zu niesen, wird in erster Linie nicht von Viren, sondern von den bösen Blicken der Mitmenschen getötet. Aber ist dies im Alltag wirklich anders? Nicht selten werfen wir jemandem einen strafenden Blick zu oder verdrehen genervt die Augen. Zurzeit werden Menschen gemieden, die Grippesymptome aufweisen. Aber auch ohne Coronaviren machen wir um einige Mitmenschen einen grossen Bogen. Und tun mit dieser Ausgrenzung weh.
Eltern reagieren zurzeit besorgt bis hysterisch, wenn sie den Husten ihrer Kinder hören. Ihren eigenen Husten nehmen einige Erwachsene aber gelassen in Kauf. Ist ja nur der altbekannte Raucherhusten. Da die Eltern verantwortungslos vor ihren Kindern rauchen, ist der Husten der Kinder nur eine Frage der Zeit. Wenn aktuell Grippesymptome beim Nachwuchs auftauchen, lassen Eltern alles stehen und liegen. Aber Hand aufs Herz, war dies auch vor Corona immer der Fall? Als es «nur» eine normale Grippe war und der eigene Terminkalender überfüllt war?
Wir tun momentan alles, um unser Immunsystem in Topform zu bringen. Zu den vorbeugenden Massnahmen gehört, dass wir grosse Portionen an Vitaminen zu uns nehmen. Placebo sei Dank glauben wir beinahe zu spüren, wie die guten Vitamine in unserem Körper gegen bösartige Viren kämpfen. Dadurch wird uns aber erst wieder bewusst, wie oft wir die gesunden Helfer im Alltag vergessen. Und so ist unser Immunsystem genauso wenig in Form wie wir selbst. Schliesslich ist das Januarabonnement für das Fitnessstudio längst abgelaufen und der Fasnacht konnten wir -Virus hin oder her- nicht fernbleiben. Aber Alkohol desinfiziert ja.
Plötzlich machen wir uns alle grosse Sorgen um unsere älteren Mitmenschen. Sicherheitshalber meiden wir unsere Grosseltern und älteren Verwandten, stellen sie prophylaktisch in Quarantäne. Doch wie oft sind unsere Besuche ausgeblieben, als es noch keinen legitimen Grund dafür gab? Wie viel haben wir durch unsere Abwesenheit in der Vergangenheit zerstört? Ganz ohne Viren, nur mit Hilfe unseres eigenen Egoismus. Einsamkeit tötet zwar weniger schnell als ein Virus, aber nicht weniger schmerzvoll.
Während wir verzweifelt zu mittlerweile überteuerten Schutzmasken greifen oder unsere Hände zum hundertsten Mal desinfizieren (womit wir wohl langsam immun gegen die Flüssigkeit werden), sollten wir eines nicht vergessen. Wir alle haben die Fähigkeit, mindestens so viel zu zerstören wie ein Virus. Unseren eigenen Körper und diejenigen unserer Mitmenschen. Und zwar nicht nur mit dem, was wir tun, sondern auch mit dem, was wir nicht tun.
Textquelle: Walliser Bote
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