Dorfkind
Das Leben in der Stadt ist praktisch und spannend. Trotzdem bleibe ich im Herzen ein Dorfkind. Auf dem Land wartet man zwar ab und zu auf den Bus, aber immerhin mit guter Aussicht.

„Ich möchte niemals im Wallis wohnen. Da würde mir die Stadt fehlen.“ Dies sagte mir letzte Woche eine Arbeitskollegin aus St-Gallen. Ob das beschauliche St-Gallen wirklich der Kategorie Stadt (Klostermetropole oder Bratwurstmekka wäre wohl passender) angehört, möchte ich offen lassen. Nicht aber die altbekannte Streitfrage Stadt oder Land.
Letztens wartete ich eine halbe Stunde lang auf den Bus. Nur um dann festzustellen, dass der Bus am Sonntag gar nicht fährt. Leider hatte ich nicht daran gedacht, die Verbindung zu kontrollieren. Auf dem Land verkehren am Wochenende weniger regelmässig Busse. Dies macht sicherlich Sinn, da am Wochenende kein Mensch auf die Idee kommt, die arbeitsfreie Zeit für einen Ausflug zu nutzen. Seit der Eröffnung der Neat ist Bern nur einen Katzensprung vom Wallis entfernt. Es sei denn, man muss zuerst den Bus nehmen, der mit ein wenig Pech nicht an die Zugverbindungen angepasst ist. So verweilt man eine gefühlte Ewigkeit am Bahnhof und hofft, dass man nicht wie einer der zahlreichen Hobbygangster wirkt, die ihre Freizeit in der Bahnhofshalle verbringen (verübeln kann man es ihnen allerdings nicht, denn die Angebote für Teenager, die am Wandern wenig Gefallen finden, sind eher beschränkt).
Im Gegensatz zum Land verspricht die Stadt eine schier unendliche Auswahl an Unterhaltungsmöglichkeiten. Theoretisch zumindest. Wenn der Winter anbricht, stellt man aber ernüchtert fest, dass man eigentlich nicht viel mehr macht, als sein Geld für sündhaft teure Kaffees auszugeben und sich in den eigenen vier Wänden zu verkriechen. Während auf dem Land meistens Ruhe herrscht, findet man in der Stadt nur selten die heiss ersehnte Stille. Sind die Polizeisirenen für einmal nicht zu hören, dann leider die Kinder der Nachbarn. Diese sind nicht nur musikalisch begabt (ohrenbetäubendes Gekreische in Sopranlage), sondern auch sportlich unterwegs (stundenlanges Herumrennen und Ballspielen in der Wohnung).
Am allermeisten fehlt mir in der Stadt die Natur. Dazu gehört die herrlich frische Bergluft, die beim morgendlichen Lüften ins Zimmer strömt (auch wenn man ab und zu eher den Schornsteinrauch der Nachbarn oder Dünger riecht). Ich vermisse den funkelnden Pulverschnee, der sich in der Stadt in ekligen Schlamm verwandelt und für Chaos sorgt. Mir fehlt die Möglichkeit, mutterseelenallein im Grünen zu stehen (auch wenn man nach spätestens einer halben Stunde feststellt, dass Bäume und Kühe mässig interessante Gesprächspartner sind). Selbst im Wortwechsel mit Mutter Natur ist Vorsicht angebracht. Irgendjemand hört auf dem Land immer mit. Und ehe man sich versieht, wird man zum Gesprächsstoff. Lange im Gespräch bleibt man allerdings nicht, denn der nächste „Skandal“ steht sicherlich schon vor der Tür.
Das Leben in der Stadt ist praktisch und spannend. Das versuche ich mir jeden Tag vor Augen zu führen. Natürlich ist es toll, auch um 22 Uhr abends noch Essen einkaufen zu können (während auf dem Land spätabends nur noch die Möglichkeit besteht, die Früchte vom Baum des Nachbarn zu klauen). Trotzdem bleibe ich im Herzen ein Dorfkind. Auf dem Land wartet man zwar ab und zu auf den Bus. Aber immerhin mit guter Aussicht- auf die Berge und auf einen vorbeifahrenden Bekannten, mit dem man mitfahren kann.