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5. Februar 2020

Herzloser Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt ist knallhart. Dies musste ich während meines halbjährigen Abstechers in die Recruitingwelt immer wieder feststellen.

Herzloser Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt ist knallhart. Dies musste ich während meines halbjährigen Abstechers in die Recruitingwelt immer wieder feststellen. Der in der Berufswelt gefragteste Kandidat ist um die dreissig Jahre alt. Er hat bereits Berufserfahrung gesammelt, ist auf dem Höhepunkt seiner Vitalität und kostet den Kunden im Verhältnis zu älteren Kandidaten viel weniger Geld. Der Wunschkandidat vieler Firmen ist zwar intelligent und denkt mit, aber zu viel denken sollte er dann doch nicht. Schliesslich waren gewisse Dinge schon immer so. Warum sollte man sie im Unternehmen also verändern? Einmal musste ich tatsächlich einem erfahrenen, topausgebildeten Kandidaten absagen, weil sich der Kunde davor fürchtete, dass er die Arbeitsweise der Firma zu stark hinterfragen könnte.

Das Aussehen sollte für den Bewerbungsprozess eigentlich irrelevant sein, oder? Naja. Wenn Kandidaten seltsame oder nicht ganz so vorteilhafte Fotos in den Lebenslauf integrieren, werden diese von den Recruitern normalerweise entfernt. Als ich einmal aus Gewohnheit das Foto einer hübschen jungen Absolventin entfernte, wurde ich darauf hingewiesen, dass dieses Foto beim Kunden sicher einen sehr positiven Eindruck hinterlassen werde. Die Bewerberin wirke darauf sehr «kompetent».

In den Lebensläufen junger berufstätiger Frauen findet man immer wieder Hinweise wie «für die Betreuung der Kinder ist gesorgt». Frauen fühlen sich dazu verpflichtet zu betonen, dass sie trotz Kindern Zeit für die Berufstätigkeit haben. Seltsam; im Lebenslauf eines Mannes habe ich solch eine Rechtfertigung noch nie gelesen. Ein Bewerber wies allerdings darauf hin, dass er in seiner Freizeit (neben Jogging, wohltätigem Engagement und vielen anderen Aktivitäten) auch gerne Zeit mit seinen Kindern verbringe. Ach, wie nett.

Je mehr Berufsgruppen durch die Digitalisierung in Gefahr geraten, desto taffer und selektiver wird der Arbeitsmarkt. In der Welt des Recruitings braucht man eine dicke Haut. Eine der Haupttätigkeiten besteht darin, zahlreichen Bewerbern abzusagen (vor allem den über Fünfzigjährigen, die eigentlich über eine beeindruckende Berufserfahrung verfügen, aber leider «überqualifiziert» sind, auf gut Deutsch also zu viel kosten). Es fällt schwer, genau dem Arbeitslosen abzusagen, der dir während zahlreicher Telefonate ans Herz gewachsen ist und für den der Bewerbungsprozess aktuell der einzige Hoffnungsschimmer ist. «Du musst lernen, nicht empathisch zu sein!» Dies hat mir ein Kollege empfohlen. Ich habe gemeint, ich hör nicht recht. Ironischerweise ist Empathie in unserer von künstlicher Intelligenz geprägten Welt doch genau eine der Eigenschaften, die uns von Maschinen unterscheidet. Was mir von meiner Zeit im Recruiting bleibt, ist die bittere Gewissheit, dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, für die der toughe Arbeitsmarkt keine Perspektiven bietet. Ein wenig Mitgefühl kann da nicht schaden.

Textquelle: Walliser Bote
Bild: Copyright: Unsplash