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10. April 2019

Höfliches Lügen

Lügen. Eine schlechte Eigenschaft, von der man mich als Kind mit dem Schreckensbild der wachsenden Nase Pinocchios und dem Sprichwort „Lügen haben kurze Beine“ abzuhalten versuchte.

Höfliches Lügen

Lügen. Eine schlechte Eigenschaft, von der man mich als Kind mit dem Schreckensbild der wachsenden Nase Pinocchios und dem Sprichwort „Lügen haben kurze Beine“ abzuhalten versuchte. Da ich damals das Gefühl hatte, ich sei etwas zu klein geraten, wirkten die kurzen Beine abschreckend auf mich. Ich war fast immer ehrlich.  Dies brachte meine Mutter allerdings in so manch eine peinliche Situation. Etwa als ich sie fragte, ob die ältere Dame mit dem grossen Bauch schwanger sei. Heute lebe ich (wenn auch nicht langbeinig) nicht mehr in ständiger Angst vor den kurzen Beinen. Aus Höflichkeit sage ich mittlerweile wie wohl so manch ein Erwachsener nicht immer die Wahrheit.

So etwa im Zug nach Bern. Meine Sitznachbarin ist geschätzte fünfzig Jahre alt, scheint ihre Kleider aber einem freizügigen Teenager gestohlen zu haben. Als sie meinen prüfenden Blick bemerkt, fragt sie fröhlich „hübsch, oder?“. Anstandshalber teile ich ihr nicht meine ehrliche Meinung mit, sondern lächle diplomatisch.  Mit einer Stimme, die Heidi Klum Konkurrenz macht, beginnt die Junggebliebene am Telefon feuchtfröhlich von ihrem Liebesurlaub zu erzählen. Dabei werden Szenen beschrieben, die ich mir lieber nicht vorstellen möchte und die ich Ihnen erspare.  Anstatt mich zu beschweren (das wäre dann doch etwas unhöflich), setze ich einfach Kopfhörer auf. Ein mittelmässiges Vergnügen, wenn man bedenkt, dass nur noch einer meiner Kopfhörer funktioniert. So lausche ich wider Willen mit einem Ohr den Erzählungen meiner Sitznachbarin. Der in die Jahre gekommene  Song „Shut up“, der aus meinem Kopfhörer ertönt, ist natürlich rein zufällig gewählt.

Während dem Uniseminar steht es um meine Ehrlichkeit nicht besser. Für alle Nichtstudierenden sei erwähnt, dass Seminare so spannend sind wie eine Steuererklärung. Es werden Texte besprochen, deren Autoren das Ziel haben, möglichst langweilig und unverständlich zu schreiben. Oder bin ich meinen Mitstudierenden intellektuell unterlegen? Einige selbsternannte Intelligenzbestien stürzen sich begeistert in die Seminardiskussion. Ich gehe in Deckung, um nicht von den Fremdwörtern getroffen zu werden, mit denen sie um sich werfen. Naja. Sie sprechen zwar viel, sagen dabei aber eigentlich nichts. Am Ende der Stunde fragt der Professor nach, ob wir den Diskussionen folgen konnten. Ich bejahe gewissenhaft und setze meine- so hoffe ich zumindest- fleissige Unschuldsmiene auf. Eigentlich kann man nicht behaupten, dass ich lüge. Schliesslich ist es nicht so, dass ich den Diskussionen nicht folgen kann. Ich will bloss nicht.

Immer ehrlich zu sein, erweist sich im Alltag als schwierig. Ansonsten hätte ich folgende Sätze von mir geben müssen: Liebe Sitznachbarin, falls ich Lust auf Details einer Liebesnacht habe, kaufe ich mir „Fifty Shades of Grey“ als Hörbuch. Sehr geehrter Herr Professor, ich habe im Seminar nicht eine Minute lang zugehört. Trotzdem habe ich die Zeit sinnvoll genutzt. So habe ich mir etwa Gedanken über meine nächste Kolumne gemacht.

Wo wir schon beim Stichwort Kolumne sind. Wie gefällt Ihnen meine Kolumne, liebe Leserinnen und Leser? Sie dürfen sich gerne bei mir einschleimen. Aber falls sich Ihre Nase anschliessend verändert, behaupten Sie ja nicht, dass ich Sie nicht gewarnt hätte.

Textquelle: Walliser Bote
Bild: Copyright: Unsplash/ Annie Spratt