Sich selbst anlügen
Eine der erstaunlichsten menschlichen Fähigkeiten besteht darin, sich selbst anzulügen und die Augen (bewusst) vor der Wahrheit zu verschliessen. Die Augen zu öffnen würde bedeuten, die oft brutale Realität zu akzeptieren und die mühsam aufgebaute Komfortzone verlassen zu müssen.

Eine der erstaunlichsten menschlichen Fähigkeiten besteht darin, sich selbst anzulügen und die Augen (bewusst) vor der Wahrheit zu verschliessen. Die Augen zu öffnen würde bedeuten, die oft brutale Realität zu akzeptieren und die mühsam aufgebaute Komfortzone verlassen zu müssen.
Die Ignoranz beginnt schon bei alltäglichen Dingen wie etwa der Ernährung. Wer Fleisch isst, möchte zwar den sonntäglichen Braten geniessen, aber auf keinen Fall darüber sprechen, wie denn das Fleisch auf dem Teller gelandet ist. Die Zuckerindustrie ist nach wie vor allmächtig, weil wir lieber das Wort Vollkorn auf dem Müesli lesen anstatt all die Zusatzstoffe, die folgen. Sportmuffel weisen vehement darauf hin, dass Muskeltraining zu Verletzungen führen kann. Wie gefährlich aber Bluthochdruck und andere Krankheiten sind, darauf wird nicht eingegangen.
Auch bezüglich der Arbeit lügen sich viele Menschen selbst an. Beinahe Jeder würde seinen Arbeitsgeber wohl als fortschrittliche Firma mit humanitären Werten bezeichnen. Während die Konkurrenz Dreck am Stecken hat, ist die eigene Firma ein armes Unschuldslamm. Dass das Unternehmen in Afrika über Leichen geht, wird in Kauf genommen. Man ist ja hier schliesslich in der Schweiz- Konzernverantwortung, was ist das? Gerne bildet man sich auch ein, dass man am Arbeitsplatz unersetzlich ist. Das damit verbundene ständige Lesen der E-Mails in der Freizeit kann genauso gefährlich werden wie die Desillusion, wenn man irgendwann merkt, dass man einfach so ersetzt werden kann. Vielleicht sogar von einer Maschine.
Viele Menschen versuchen auch krampfhaft, sich gegen Neuerungen zu wehren, durch die ihr Weltbild ins Wanken geraten könnte. Anstatt sich bei einigen politischen Diskussionen einzugestehen, dass man das Jahr 2020 mental noch nicht erreicht hat und irgendwo in der Vergangenheit stecken geblieben ist, versucht man mit aller Kraft, die angestrebte Veränderung schlecht zu reden. So wird beispielsweise die gleichgeschlechtliche Ehe von einigen Personen kategorisch abgelehnt, da diese nicht der „Normalität“ entspreche. Wie diese angeblich ach so tolle „Normalität“ oft aussieht (zum Glück natürlich nicht immer), wird bewusst ignoriert: Ehemänner, die anderen Frauen hinterherschauen und am Stammtisch frauenfeindliche Sprüche von sich geben. Ehefrauen, die schon lange nicht mehr glücklich sind und nach wie vor den grössten Teil der Hausarbeit übernehmen müssen. Wenn das meine Normalität ist, dann sollte mir vielleicht bewusst werden, dass meine Ablehnung alternativer Lebensformen mit meiner eigenen Unzufriedenheit zu begründen ist.
Obwohl es in der Welt viel Leid und Ungerechtigkeit gibt, kann man selbstverständlich nicht ständig schwarz malen. Trotzdem sollte man nur das mit Farbe anmalen, zudem man auch tatsächlich steht und dessen Schwärze man nicht einfach zu überdecken versucht, um sich nicht mehr damit beschäftigen zu müssen. Wenn man so ehrlich zu sich selbst ist, stellt man irgendwann fest, dass genügend waschechte bunte Farbe vorhanden ist.
Textquelle: Walliser Bote
Bild: Copyright: Unsplash/ Pawel Czrwinski