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30. September 2020

Stille. Schweigen

Momente der Stille können nach einer gewissen Zeit äusserst beängstigend sein. Stille zwingt uns nämlich dazu, nachzudenken. Umgeben von Lautstärke und Musik wirkt unser Leben leicht und sorgenfrei. Doch wenn sich erstmals Ruhe ausbreitet, müssen wir uns mit unseren Sorgen, Gedanken und Ängsten beschäftigen.

Stille. Schweigen

In unserer von Lärm und Geschwindigkeit geprägten Welt sehnen wir uns oft nach Stille. Wie schön ist es doch, wenn das Handy mal nicht klingelt. Sind die hupenden Autos nicht mehr zu hören, klingt das wie Musik in unseren Ohren. Euphorie bricht aus, wenn das Kind des Nachbarn abends endlich Ruhe gibt. Doch wie wir Menschen so sind, ist die Freude über die heissersehnte Ruhe meist von kurzer Dauer.

Momente der Stille können nach einer gewissen Zeit äusserst beängstigend sein. Stille zwingt uns nämlich dazu, nachzudenken. Umgeben von Lautstärke und Musik wirkt unser Leben leicht und sorgenfrei. Doch wenn sich erstmals Ruhe ausbreitet, müssen wir uns mit unseren Sorgen, Gedanken und Ängsten beschäftigen. Natürlich erlaubt uns die Ruhe auch, über die schönen Aspekte unseres Lebens nachzudenken. Trotzdem bringt sie auch negative Gefühle ans Licht, die aufgrund all des Lärms in unserem Leben ungehört in unserem Inneren gebrodelt haben.

Stille kann in gewissen Situationen eines der schlimmsten «Geräusche» der Welt sein. Etwa, wenn jemand verbal angegriffen wird und die Mitmenschen beschämt weghören, anstatt den Mund aufzumachen. Oder wenn eigentlich jeder weiss, dass der scheinbar perfekte Bilderbuch-Ehemann seine Frau betrügt. Ausser der Frau selbst. Schweigen steht dann für Feigheit und ist mit Verrat gleichzusetzen. Natürlich ist es nicht immer einfach, in kritischen Momenten die passenden Worte zu finden. Schliesslich können meine Worte andere Menschen verletzen. Wer aber gar nichts sagt, wird für viel grösseren Kummer sorgen.

Schweigen kann kränken. Da ist etwa der motivierte Mitarbeiter, der auf seine stundenlang vorbereiteten Verbesserungsvorschläge nie eine Antwort erhält. Oder das Kind, das wieder mal ignoriert wird, da die Eltern mit ihren Handys beschäftigt sind. Wie viel könnten ein paar aufmunternde Worte bewirken bei der unsicheren Teenagerin, die sich nicht wohl in ihrer Haut fühlt. Bloss mit Worten können wir wohl kaum die Welt verändern. Und doch begann jede Bewegung, welche die Welt ein klein bisschen besser gemacht hat, irgendwann mit einer ersten Anhäufung von Buchstaben.

Stille steht auch für Tod und Trauer. Wenn ein geliebter Mensch von uns geht, würden wir alles dafür tun, um nochmals von dessen Stimme «gestört» zu werden. Leider kann Stille auch ein Indiz sein für etwas, das den Menschen langsam auffrisst, Einsamkeit. Wer ausser der eigenen Stimme nur Stille wahrnimmt und nicht gehört wird, wird irgendwann daran zugrunde gehen. Versuchen wir also, die Stille im Leben einsamer Menschen für einen kurzen Moment zu durchbrechen. Oder aber teilen wir die Ruhe mit jemandem. Dann kann sie sogar sehr befreiend sein. Es gibt nichts Schöneres, als sich wohlwollend und in der Gewissheit, dass man genau weiss, was die andere Person gerade nicht sagt, anzuschweigen. Schweigen wir ab und zu eine Weile, um dann wieder Energie zu haben für das, wofür es sich lohnt, unsere Stimme zu erheben.

Textquelle: Walliser Bote
Bild: Copyright: Unsplash/ Andy Kogl