eloquentia.blog

28. April 2020

Stubenhocker

Aktuell sind wir dazu gezwungen, viel Zeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Fluch oder Segen?

Stubenhocker

Immer mehr Leute beklagen sich darüber, dass ihnen Zuhause die Decke auf den Kopf fällt und die Langeweile unerträglich wird. Ich hingegen kann mich nicht beklagen und habe mich mit dem Dasein als Stubenhocker angefreundet. Wider Erwarten vergeht die Zeit in den eigenen vier Wänden wie im Flug.

Nach kurzer Eingewöhnungszeit an das Homeoffice läuft dieses mittlerweile wie am Schnürchen. Hand aufs Herz; waren wir je so produktiv wie jetzt? Wie effizient man doch arbeitet, wenn Smalltalk und regelmässige Kaffeepausen wegfallen. Plötzlich geht es nicht mehr darum, brav seine 8.22 Stunden pro Tag am Bürotisch abzusitzen und dabei möglichst beschäftigt zu wirken. Nun zählt vielmehr das Resultat unserer Arbeit. Im Homeoffice ist man herrlich flexibel (die Eltern, welche gleichzeitig auch noch mit den Kindern zu lernen haben natürlich ausgeschlossen-Hut ab). Der Tag beginnt brav am Bürotisch, endet aber auch mal gemütlich arbeitend auf dem Sofa. Bei Rückenschmerzen wird aus dem Bücherregal kurzerhand ein Stehpult. Und bei schönem Wetter auf der Terrasse macht die Arbeit gleich doppelt so viel Spass.

Viele Menschen trauern dem Fitnesscenter oder ihrem Sportverein nach. Glücklicherweise trainiere ich schon seit Jahren mittels Fitnessapps. Früher wurde ich dafür oft belächelt. In Zeiten von Corona trainieren meine Bekannten mit und haben vor lauter Anstrengung gar keine Zeit mehr zum Lachen. Wenn schon Coach-Potato, dann immerhin ein fitter.

In der aktuellen Situation ist es wichtig, den Alltag möglichst geregelt zu strukturieren. Feste Zeitpläne und Rituale geben uns in Zeiten der Unsicherheit Halt. Abends um halb acht wird die Tagesschau angeschaut (wobei ich darüber staune, wie spiessig ich geworden bin, wenn ich bereits um 19:28 Uhr ungeduldig vor dem Fernseher warte). Einmal pro Woche bestellen wir eine Pizza- immer dieselbe Sorte. Wenn ich im Wallis bin, dann findet jeden Tag zur selben Zeit - mit genügend Abstand natürlich- eine Kaffeepause bei Oma im Garten statt. Und obwohl ich kein Fleisch mehr esse, fragt Grossmutter jeden Tag von Neuem, ob ich denn nicht ein wenig Trockenfleisch essen wolle. Selbst diese Frage ist irgendwie zu einem Ritual geworden.

Zu Beginn der Coronakrise habe ich mich beinahe vor den Wochenenden ohne Beschäftigung gefürchtet. Mittlerweile geniesse ich die entspannende Auszeit regelrecht. Während ausgiebigen Spaziergängen an der frischen Luft entdecke ich idyllische Orte, die ich normalerweise nie besucht hätte. Nach dem Frühstück kann man sich ohne schlechtes Gewissen wieder in das Duvet kuscheln und bei einer spannenden Lektüre die Zeit vergessen. Plötzlich habe ich Zeit für Dinge, die ich schon lange tun wollte, die aber meinem vollen Terminkalender zum Opfer gefallen sind. Ich lerne etwa Sprachen, indem ich Online-Unterricht mit Lehrern aus aller Welt nehme. Meine Sprachlehrer sind stets erstaunt darüber, wie fröhlich ich denn sei. Doch ist jeder Tag, an dem wir und unsere Liebsten gesund sind, nicht Grund genug zur Freude?

Unser Lebensrhythmus ist langsam geworden, die Achterbahn unseres Lebens fährt nur noch im Schritttempo. Aber machen wir uns nichts vor. Wenn die Zeit der Restriktionen vorbei ist, werden wir uns wieder euphorisch ins Getümmel der weiten Welt stürzen (wobei die Welt vielleicht bloss die Schweiz ist). Aber anschliessend werde ich mich wieder freiwillig Zuhause verkriechen und erneut zum Stubenhocker werden. Langweilig? Vielleicht. Aber immerhin gemütlich eingekuschelt.

Textquelle: Walliser Bote
Bild: Copyright: Unsplash/ Anthony Tran