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20. November 2020

Verantwortung

Ich wage zu behaupten, dass die Eidgenossen Weltmeister in der Disziplin der Doppelmoral sind. Im Inland schmückt man sich mit fortschrittlichen Werten wie Diversität und Innovation. Wie viele Menschen dafür aber im Ausland unter die Räder kommen, wird totgeschwiegen (man beachte die tragische Ironie dieses Verbs)

Verantwortung

Als Kind lernt man so einige Unwahrheiten, von denen man jahrelang felsenfest überzeugt ist. Irgendwann stellt man aber mit Erstaunen fest, dass Gemüse nicht zu Muskeln führt, man nach dem Schluckauf immer noch genau so klein oder gross ist wie zuvor und dass der Verzehr von warmem Brot nicht zu Bauchschmerzen führt. Glücklicherweise lernt man neben solchen Unwahrheiten auch wichtige moralische Grundsätze. Dazu gehört etwa, dass man Verantwortung für seine Handlungen übernimmt. Schon früh erklärten mir meine Eltern, dass man zu seinen Taten, inklusive der Fehler, stehen muss. Wenn meine Handlungen einen negativen Einfluss auf andere Menschen haben, so habe ich mich für den angerichteten Schaden zu verantworten. Dieser Grundsatz basiert auf nicht mehr und nicht weniger als gesundem Menschenverstand und Gerechtigkeit.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich gewisse Grosskonzerne mit aller Macht gegen ihre Verantwortung sträuben. Ohne Gewissensbisse richten sie im Ausland Schaden an, zerstören die Natur, Dörfer und noch schlimmer; Menschenleben. Solche Schandtaten blieben bisher ohne jegliche Konsequenzen. Schliesslich geschehen die Taten ja im Ausland und was kümmert es den Schweizer schon, was in Afrika passiert, solange die Weste im eigenen Land weiss bleibt? Im Inland schmückt man sich mit fortschrittlichen Werten wie Diversität und Innovation. Wie viele Menschen dafür aber im Ausland unter die Räder kommen, wird totgeschwiegen (man beachte die tragische Ironie dieses Verbs). Ich wage zu behaupten, dass die Eidgenossen Weltmeister in der Disziplin der Doppelmoral sind. Nichts können Herr und Frau Schweizer besser, als die Verantwortung abzugeben. So werden etwa gewisse tierquälerische Produkte gemäss Gesetz nicht in der Schweiz hergestellt, im Import genau dieser Produkte ist die Schweiz aber weltweit Spitzenreiter. Und während sich der Bundesrat zurzeit für den UNO Sicherheitsrat bewirbt und im Bewerbungsprozess mit Wörtern wie Humanität um sich wirft, lehnt er gleichzeitig die Konzernverantwortung ab.

Das Argument gegen die Konzernverantwortung, dass auch KMU unter der Initiative leiden, ist altbekannt und ebenfalls typisch für die Schweiz. Die Behauptung, der kleine Mann (oder der mittelgrosse) könnte leiden, zieht eigentlich immer. Wenn dann noch darauf hingewiesen wird, dass sogar Arbeitsplätze in Gefahr sind, weil die Schweiz angeblich weniger konkurrenzfähig wird, steht man auf der sicheren Seite. Doch Furcht und Angstmacherei dürfen nicht ein Hindernis für Fortschritt und Humanität sein. Wenn die Konzerne zur Rechenschaft gezogen werden, hilft das auch dem Image der Schweiz. Die Schweiz ist nur dann konkurrenzfähig, wenn sie auch in Zukunft für Qualität steht. Qualität- ohne grausame Taten im Ausland.

Wenn Handlungen Leid mit sich ziehen, muss Verantwortung dafür übernommen werden. Nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch von Betrieben und Grosskonzernen. Deshalb sage ich ja zur Konzernverantwortungsinitiative. Und ja zu Gerechtigkeit.

Textquelle: Walliser Bote
Bild: Copyright: Unsplash/ Hendry