Verpasste Chancen
Vielleicht war da ein Herzensprojekt, das wir endlich in Angriff nehmen wollten, das aber unserem Verstand zum Opfer fiel. Auch 2019 gelang es uns nicht, aus unserer verlockend bequemen Komfortzone auszubrechen. Wir haben zwar keinen Rückschritt gemacht, aber vorwärts gekommen sind wir auch nicht.

31. Dezember. An diesem Tag fliesst der Champagner vielerorts in Strömen. Auch an leckeren Speisen mangelt es nicht. Manch einer stürzt sich johlend und betrunken ins neue Jahr. Nur um am 1. Januar bereits mit dem ersten Kater des Jahres aufzuwachen. Eigentlich sollte der letzte Tag des Jahres auch zum Nachdenken anregen. Zum Beispiel über all die Dinge, die wir 2019 versäumt haben.
Vielleicht gibt es da jemanden, dem wir 2019 mehr Zeit schenken wollten, den wir aber schlussendlich immer wieder vertröstet haben. Aus gross angekündigten Besuchen wurden in Eile verfasste unpersönliche WhatsApp Nachrichten und Pflichttelefonate. Diese Person hat so getan, als ob sie uns unsere billigen Ausreden, weshalb wir schon wieder keine Zeit haben, abkauft. Vielleicht war da ein Herzensprojekt, das wir endlich in Angriff nehmen wollten, das aber unserem Verstand zum Opfer fiel. Auch 2019 gelang es uns nicht, aus unserer verlockend bequemen Komfortzone auszubrechen. Wir haben zwar keinen Rückschritt gemacht, aber vorwärts gekommen sind wir auch nicht.
Eigentlich wollten wir 2019 endlich einen Teil unseres Ersparten einer wohltätigen Organisation zur Verfügung stellen. Schlussendlich wussten wir aber nicht, worauf wir im Gegenzug verzichten sollten. Und deshalb gab es statt einer Spende für arme Kinder neue Konsumgüter für uns. Und das schlechte Gewissen gratis dazu. Dieses konnten wir zum Glück mit der Ausrede bekämpfen, dass das Spendengeld „ja sowieso nicht ankommt“.
Die Klimadebatte hat uns 2019 stark geprägt. Doch haben wir unser Konsumverhalten wirklich angepasst? Ja, wir verwenden mittlerweile wiederverwendbare Tragtaschen (es sei denn, wir haben diese Zuhause vergessen) und verzichten grösstenteils auf PET-Flaschen. Aber unsere Mobiltelefone landen immer noch auf dem Müllhaufen, wenn sie nicht mehr dem neuesten Standard entsprechen und (nicht nur) während den Feiertagen essen wir mehr Fleisch, als unserem Magen und der Umwelt lieb ist.
2019 waren wir viel zu oft gestresst. Selbst Aktivitäten, die uns eigentlich zur Entspannung verhelfen sollten, haben unseren Stress erhöht. Schliesslich musste die Yogastunde irgendwie in den vollen Terminkalender integriert werden. Von deren Dokumentation auf Social Media ganz zu schweigen. Es blieb gar keine Zeit für all die guten Taten, die wir uns vorgenommen hatten. Eventuell haben wir sogar Menschen vernachlässigt, die uns am Herzen liegen. Wie oft haben wir wirklich die Gelegenheit beim Schopf gepackt, jemandem mit einer kleinen Geste eine Freude zu machen?
Der 31. Dezember. Dieser Tag bedeutet nicht nur leckeres Essen und Party. Er gibt uns die Gelegenheit, zum letzten Mal in diesem Jahr etwas Gutes zu tun. Sei es für einen lieben Mitmenschen, die Umwelt oder für unseren eigenen Körper. Vielleicht werden wir am Ende des Tages wie so oft feststellen, dass wir die Chance verpasst haben. Aber morgen ist auch noch ein Tag für eine gute Tat. Selbst wenn diese Tat nur darin besteht, unserem Kollegen am Tag nach der Silvesterparty das bitternötige Aspirin ans Bett zu bringen.
Textquelle: Walliser Bote
Bild: Copyright: Unsplash/ Fabrizio Verrecchia