Virtuelle Sitzungen-eine Hassliebe
Wem in den letzten Monaten ab und zu das Lachen vergangen ist, der konnte immerhin auf Aufheiterung während den Sitzungen per Video Chat zählen. Online Meetings, das ist Situationskomik vom Feinsten.

Wem in den letzten Monaten ab und zu das Lachen vergangen ist, der konnte immerhin auf Aufheiterung während den Sitzungen per Video Chat zählen. Online Meetings, das ist Situationskomik vom Feinsten.
Während der virtuellen Sitzung im Homeoffice weiss man nie, was passiert. Unvorhersehbare Zwischenfälle sind unvermeidlich. Da lernt man bald einmal diverse Familienmitglieder und Mitbewohner der Kollegen kennen, die sich immer wieder „unauffällig“ an der Kamera vorbeischleichen. Allerdings ist mir ein Rätsel, wie einige Personen direkt auf eine Kamera zusteuern können mit der Überzeugung, sie seien nicht im Bild. Egal ob frisch aus der Dusche kommende Partner oder schwatzhafte Sprösslinge, die herrlich unverblümte Anekdoten erzählen, welche die Kollegen wohl lieber für sich behalten hätten-für Abwechslung ist gesorgt. Und falls es doch einmal langweilig wird, kann man immer noch die Kamera ausstellen und herzhaft gähnen. A propos Kamera. Pro Sitzung gibt es mindestens eine Person, deren Kamera gerade „nicht funktioniert“. Man gönnt den Kollegen aber den Luxus, wenigstens einmal ungekämmt im Pyjama vor dem Bildschirm zu sitzen.
Die Sitzungen per Video Chat haben so manche Funktion, die man sich im echten Leben auch wünschen würde. Statt das Büro aufzuräumen, kann man einfach einen malerischen Hintergrund wie etwa das Meer (dann hat man zumindest virtuell ein wenig Ferienstimmung) auswählen. Leider wusste ich zu Beginn der virtuellen Meetings noch nichts von dieser Funktion und lobte die tolle Wohnung meiner Kollegin mit grandioser Aussicht- und tat als ob ich genau wüsste, in welchem Quartier sich diese befindet. Während dem nächsten Meeting stellte ich peinlich berührt fest, dass eine im Ausland wohnende Arbeitskollegin auch dieselbe Wohnung, sprich denselben Hintergrund, hat. Meinen eigenen Hintergrund jedoch hatte ich zu Beginn der Sitzung nicht angepasst und musste deshalb so einige Gegenstände wie etwa meine Bilder genauestens erklären. Zum Glück habe ich nichts zu verstecken, das nicht sowieso schon versteckt ist.
Die meiner Meinung nach praktischste Funktion des Online Meetings ist, dass man die Mikrofone ein-und ausschalten kann. Dadurch übt man sich darin, anderen zuzuhören und alle Kollegen aussprechen zu lassen. Während in gewöhnlichen Gesprächen oft mehrere Personen gleichzeitig sprechen, gibt man virtuell gerne anderen den Vortritt- oft entsteht sogar die ein oder andere unangenehme Gesprächspause. Vielleicht sollten wir auch im echten Leben versuchen, ab und zu unser Mikrofon auszuschalten und unseren Mitmenschen das Wort zu überlassen. Schön ist auch, dass man die Menschen per Video Chat von einer ganz neuen Seite kennenlernt. Kollegin XY ist plötzlich nicht mehr nur die Buchhalterin, sondern auch Besitzerin der süssen Katze, die sich stets im Hintergrund heranschlich.
Obwohl ein persönliches Gespräch vor Ort sehr wertvoll ist und zwischenmenschlich mehr hergibt, werden wir im normalen Arbeitsalltag vielleicht doch ab und zu die Gespräche per Internet herbeisehnen. Spätestens in dem Moment, in dem wir wieder unser in der Zwischenzeit beinahe verlerntes Pokerface aufsetzen müssen und wir im Geiste einfach unsere Kamera ausschalten.
Textquelle: Walliser Bote
Bild: Copyright: Unsplash