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7. April 2020

Von Träumen und Egoisten

Osterferien im Tessin-Coronavirus hin oder her. Das ist schliesslich eine Familientradition. Motorradfahren und bewusst die Gefahr eines Unfalls in Kauf nehmen. Weil draussen prächtiges Wetter herrscht. Zudem kann man sich ja auch in den eigenen vier Wänden schwer verletzen, oder? Der Egoismus einiger Menschen während diesen von COVID-19 geprägten Tagen nimmt mir den Atem (in Zeiten von Lungenkrankheiten nicht ideal).

Von Träumen und Egoisten

Osterferien im Tessin-Coronavirus hin oder her. Das ist schliesslich eine Familientradition. Motorradfahren und bewusst die Gefahr eines Unfalls in Kauf nehmen. Weil draussen prächtiges Wetter herrscht. Zudem kann man sich ja auch in den eigenen vier Wänden schwer verletzen, oder? Der Egoismus einiger Menschen während diesen von COVID-19 geprägten Tagen nimmt mir den Atem (in Zeiten von Lungenkrankheiten nicht ideal). Dass der Bundesrat versucht, an die Vernunft dieser Menschen zu appellieren ist ungefähr so erfolgsversprechend, wie wenn man seinem Haustier das Sprechen beibringen möchte, damit man in Quarantäne einen Gesprächspartner hat. Anscheinend haben gewisse Personen das Gefühl, sie besässen das Recht, sich ihre Träume auch in schwierigen Zeiten zu erfüllen. Sie stellen sich dabei über uns alle. Schliesslich hat doch jeder zurzeit eine ganze Menge unerfüllter Wünsche und Träume.

Waren unsere Träume früher oft unrealistisch und an Glanz und Prunk kaum zu überbieten, träumen wir nun von ganz alltäglichen Dingen. Wie schön wäre es doch, unbekümmert mit den Kolleginnen im Park zu sitzen. Oder während einer Chorprobe die Welt da draussen zu vergessen und komplett abzuschalten. Selbst der ein oder andere schiefe Ton wäre heute Musik in unseren Ohren. Andere Länder sind plötzlich so fern. Wie würden wir es geniessen, sorgenfrei nach Italien zu fahren und auf der Piazza zu entspannen. Von dem Gefühl von Sand an unseren Füssen und dem beruhigenden Rauschen des Meeres ganz zu schweigen. Wir vermissen die italienische Lebensfreude, die zumindest temporär mit all den Toten im Land begraben scheint. Was würden wir dafür geben, entspannt durch die Stadt zu bummeln, ohne vorsichtig in Deckung gehen zu müssen, wenn wir anderen Menschen begegnen. Seltsamerweise klingt sogar ein Tag mit den Kollegen im Büro plötzlich sehr verlockend. Wovon wohl die meisten Menschen ganz besonders träumen, sind Umarmungen. Mit der Tante, die man zurzeit nicht anstecken will. Oder der Nachbarin, die man tröstend in den Arm nehmen möchte, weil sie einen geliebten Menschen verloren hat. Selbst Körperkontakt mit dem Partner ist für viele Tabu geworden, etwa weil dessen Familienmitglieder einer Risikogruppe angehören. Plötzlich sind unsere Träume alles andere als platonisch.

Auch wenn wir uns nach Berührungen und einem unbeschwerten Alltag sehnen, müssen wir stark bleiben und Ausdauer beweisen. Meine Träume hören nämlich da auf, wo sie für einen anderen Menschen zum Alptraum werden. Die Erfüllung meiner Herzenswünsche darf nicht dazu beitragen, dass sich das Virus verbreitet und Risikogruppen in Lebensgefahr schweben. Deshalb müssen unsere Träume noch eine Weile warten (aber Vorfreude ist schliesslich die schönste Freude). Die Träume müssen Platz machen für unsere Zukunftswünsche, die viel nachhaltiger sind. Ich wünsche mir, dass zu gegebener Zeit Normalität einkehrt und ich meine Grosseltern endlich wieder in die Arme schliessen darf. Irgendwann werden wir unseren Nachfahren von dieser seltsamen Zeit erzählen. Manch ein Egoist wird dann aber auch sagen müssen: 2020 war das Jahr, indem ich aufgrund meiner Unachtsamkeit Menschen getötet habe.

Textquelle: Walliser Bote
Bild: Copyright: Unsplash/ Yohann Libot