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21. Dezember 2020

Zuerst das Geld. Dann das Menschenleben

Die Pandemie und das damit verbundene Krisenmanagement des Bundesrats haben meine positive Vorstellung von der Schweiz ganz schön ins Wanken gebracht. Plötzlich wurde mir klar, dass in der Schweiz nicht die Vernunft, sondern das liebe Geld regiert.

Zuerst das Geld. Dann das Menschenleben

Was für ein Glück haben wir doch, in der wohlhabenden Schweiz zu leben. Ein vernünftiger Staat, in welchem stets alles funktioniert und man sich in Sicherheit wägt. Mit diesen positiven Attributen habe ich im Ausland bisher mein Heimatland beschrieben. Doch dann kam Corona.

Die Pandemie und das damit verbundene Krisenmanagement des Bundesrats haben meine positive Vorstellung von der Schweiz ganz schön ins Wanken gebracht. Plötzlich wurde mir klar, dass in der Schweiz nicht die Vernunft, sondern das liebe Geld regiert. Während sich unsere Nachbarsstaaten aktuell im Lockdown befinden, sträubt sich unsere Regierung immer noch gegen diese Massnahme. Das Argument, man könne sich dies finanziell nicht leisten, klingt wie ein schlechter Scherz aus dem Mund des Finanzministers eines der wohlhabendsten Länder der Welt. Das Ganze scheint nicht eine Frage der Machbarkeit, sondern von Prioritäten zu sein. Und Priorität hat in der Eidgenossenschaft nun mal die Wirtschaft. Wenn Sie mir nicht glauben, dann fahren Sie doch nach Verbier. Dort wartet man gebannt, wer eher den Skilift erreicht, die Briten oder das mutierte Virus…

Die Todeszahlen in der Schweiz sind insbesondere im Vergleich zu anderen Staaten, welche bereits einen strikten Lockdown verhängt haben, erschreckend hoch. Sie zeigen traurigerweise auf, dass in der Schweiz das einzelne Menschenleben einen geringen Wert zu haben scheint. Etliche Menschen sterben jeden Tag an Corona. Der Tod all dieser Personen ist nicht einmal wichtig genug, um es auf die Titelseiten der Zeitungen zu schaffen. Dort wird viel lieber darüber diskutiert, wie stark Herr und Frau Schweizer darunter leiden, dass sie dieses Jahr keinen Glühwein am Weihnachtsmarkt trinken können. Vielleicht würde man öfters über die Toten sprechen, wenn sich darunter vermehrt jüngere Menschen befänden? Doch was heisst schon jung und was alt? Ist der Tod eines 70-jährigen Mannes, der in bester Gesundheit aus dem Leben gerissen wird, denn nicht tragisch? Für viele Schweizer ist dieser Tote aber leider nur eine Person weniger, für die unsere AHV leiden muss. Doch wer hat genau diese damals einbezahlt? Selbst wenn Bewohner eines Altersheims an Corona sterben, ist dies traurig. Quatsch, die wären ja sowieso gestorben, schreit der Eidgenosse. Ja, sehr wahrscheinlich. Aber bestimmt nicht in absoluter Isolation.

Manch einer würde die Kritik am Schweizer Krisenmanagement wohl mit dem Einwand relativieren, dass man als Einwohner der Schweiz, einem der reichsten Länder der Welt, auf hohem Niveau jammert. Naja, das hängt ganz davon ab, wie man hohes Niveau definiert. Wenn man das einzelne Menschenleben als Massstab nimmt, dann ist das Niveau unseres Landes zurzeit leider ziemlich im Keller. Oh liebe Helvetia, nun hast du Leichen im Keller.

Copyright Bild: Unsplash / Daan Stevens